Bewusstseinstexte Dr. W.-J. Maurer

Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann

von Dr. Wolf-Jürgen Maurer

 

In heilsamen Begegnungen wie in einer Psychotherapie sind v.a. folgende Prozesse wirksam:

1. Eine korrigierende verständnisvoll – einfühlsame Beziehungserfahrung,

2. Aktivierung und Fokussierung eigener Stärken, Kraftquellen und Ressourcen, sowie

3. Verbesserung der Beziehungsfähigkeit zu sich selbst und anderen durch Verbesserung des Selbst-Verständnisses und der Motive anderer.

Den dritten ganz wesentlichen Punkt nennt man:

Mentalisierungsförderung:

Erlebens- und Handlungsmöglichkeiten in Beziehungen können eingeengt sein durch unbewusste Konflikte, ein hohes Stressniveau oder gefühlabgespaltenes, routiniertes Funktionieren.

In der Folge können zwischenmenschliche Prozesse unproduktiv oder leidvoll für die Beteiligten werden.

Jede Wahrnehmung ist eine subjektive Realitätskonstruktion und spiegelt immer nur eine von vielen möglichen Perspektiven.

Wer sich in einer starren automatisiert-stereotypen subjektiven „Wahr-Gebung“ sozialer Prozesse verliert, verstrickt sich auf destruktive Art in seinen Beziehungen.

Deshalb ist flexibles multiperspektivisches Reflexionsvermögen (Mentalisieren) für gelingende Beziehungen so wichtig.

Was bedeutet nun Mentalisieren genau?

Äußerlich wahrnehmbares Verhalten im Zusammenhang mit inneren geistigen Zuständen begreifen können und umgekehrt.

Wichtig ist nicht nur, was jemand tut oder das Ergebnis seiner Handlung, sondern das Verständnis mit welcher Intention, mit welcher Absicht jemand etwas tut.

Über diese Fähigkeit, den Geist zu lesen, die eigenen Motive zu decodieren und ein flexibles offenes Verständnis der möglichen Motive und absichtsvollen Ziele anderer zu entwickeln, das von der eigenen subjektiven Motivlage unabhängig ist, verfügen nicht alle Menschen in allen Beziehungs-Situationen gleich gut.

Sie wird auch erst im Lauf e des ersten Lebensjahrzehnts und stabil nur in sicheren Beziehungserfahrungen erlernt.

Sich selbst von außen sehen und andere von innen verstehen lernen, darum geht es, also darum, multiperspektivisches empathisches Denken zu lernen.

Folgende Arten der mehr oder weniger eingeschränkten Realitätswahrnehmung gibt es, in die Menschen je nach aktueller Stresserfahrung zurückfallen (regredieren) :

Äquivalenzmodus: Innen=Außen:

Ich fühle das so, also ist das so!

Ich nehme die Welt eingeengt aus meiner aktueller Gefühlslage war (Weil mich etwas schmerzt, musst du böse sein).

Als-Ob-Modus: Außen-und Innenwelt entkoppelt:

Ich bin ganz in meiner Welt!

Meine Fantasiewelt ist abgekoppelt von meiner Realität, mein Denken hat keinen Bezug zu meinen Gefühlen und deshalb auch keinen Einfluss auf meine Handlungen.

Während die ersten 2 Wahrnehmungsmodi denen von Kleinkindern vor dem 6. Lebensjahr entsprechen, auf die Menschen in emotionalen Stresssituationen regredieren, ist natürlich die Folgende die hilfreichste und am höchsten entwickelte Realitätswahrnehmung:

Reflektierender Modus: Mentalisieren= spielerischer Umgang mit der Realitätskonstruktion:

Es kann so, aber auch ganz anders sein!

Das Verständnis für die möglichen Absichten anderer und geistigen Zustände bleibt offen und flexibel- eine Erwägung unterschiedlicher Perspektiven und Erklärungsmöglichkeiten steht auch in emotional heißen Situation zur Verfügung.

Nicht-Mentalisieren-Können führt dagegen zu einer starren, teleologischen (nur Handlungen und konkrete Taten zählen) Interpretation der sozialen Realität:

Das hat der nur gemacht, um mir zu schaden!“

Was passiert nun, wenn Mentalisieren nicht gelingt?

 

Hierzu ein bekanntes Beispiel:

Die Geschichte mit dem Hammer:

Ein Mann will ein Bild aufhängen.

Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer.

Der Nachbar hat einen.

Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen.

Doch da kommen ihm Zweifel:

Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig.

Vielleicht war er in Eile.

Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich.

Und was?

Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein.

Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort.

Und warum er nicht?

Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen?

Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben.

Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat.

Jetzt reicht’s mir wirklich. –

Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet,

doch noch bevor er “Guten Tag” sagen kann,

schreit ihn unser Mann an:

“Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!”

(Watzlawick (1983): Anleitung zum Unglücklichsein)

 

Die Mentalisierungsfähigkeit hängt ab vom emotionalen Stresslevel. Bei Aktivierung heißer Bindungsemotionen in bedeutsamen enger werdenden Beziehungen steigt je nach

individuellem früh geprägtem mehr oder weniger sicherem bzw. unsicherem Bindungsstil die Angst, und das Reflexionsvermögen stürzt ab, das Denken und damit die Wahrnehmung wird enger und stereotyper und damit die

Realitätskonstruktion verzerrter- es kommt zu Interaktionsschwierigkeiten und Beziehungsstörungen.

Die innere Wahlfreiheit und psychische Flexibilität nimmt ab.

Mentalisieren lernen Menschen in sicheren einfühlsamen Bindungen in Gruppen.

Menschen, die wegen unsicheren verletzenden oder vernachlässigenden uneinfühlsamen Beziehungserfahrungen dies in ihrer Kindheit nicht gut lernen konnten und unter emotionalem Stress wieder auf das Niveau kindlich nur

unvollständigen Mentalisierungsvermögens regredieren, lernen das erstmals in interaktionellen Therapiegruppen.

Da man weiß, dass die Beziehung zwischen Arzt und Patient über das Behandlungsergebnis mit bis zu 70% entscheidend ist, üben Ärzte und Therapeuten diese Fertigkeit in sogenannten Balintgruppen, patientenzentrierten Selbsterfahrungsgruppen:

Aus der Sicht des Mentalisierungskonzepts wird die multiperspektivische Reflektion der Arzt-Patient-Beziehung am besten in einer Balint-, Intervisions- oder Supervisionsgruppe eingeübt.

Sie kann dabei helfen, Interaktionsprobleme besser zu verstehen und damit zu ihrer Lösung beizutragen.

Der Gruppenkontext erlaubt, im Austausch mit anderen die Fähigkeit zu mentalisieren weiter zu entwickeln, wodurch die Fähigkeit zum differenzierten Verstehen und zum

Perspektivenwechsel verbessert werden kann.

Beziehungen werden heilsamer (Droge Arzt!) und Psychohygiene wird hierdurch verbessert (Burnoutprophylaxe!).

Ein typischer Verlauf einer bindungsunterstützten Förderung der Mentalisierungsfähigkeit stellt sich in einer Psychotherapie folgendermaßen dar:

– Entängstigung => Zunahme an Sicherheit => Modifikation der

Bindungsmuster =>spielerische neugierige Erkundung des eigenen Selbsterlebens und Beziehungsmuster

– Zugang zu einem geschützten Übergangsraum => Fantasie, Kreativität, Empathie

– Vorbildfunktion Mentalisieren und Gefühls-Wahrnehmung und -differenzierung wird nach und nach verinnerlicht => Emotionale Selbststeuerungsfähigkeit nimmt zu

– Selbstexploration durch Mentalisierung führt zu vertiefter Selbsterkenntnis und zu neuen Selbstkonzepten. Falsches Selbstkonzept kann aufgegeben werden. Identität wird stabiler.

– Realistischere Einschätzungen der Motive Anderer führen zu kontinuierlichen und spannungsärmeren Beziehungen.

Der Sand im Getriebe von Beziehungen nimmt ab. Beziehungen werden sicherer und unterstützender und weniger stresserzeugend oder stressanfällig.

Die Selbstwirksamkeit nimmt zu, Selbstsicherheit und Bindungssicherheit ebenso.

Durch bessere Verbundenheit gelingt mehr Befriedigung von psychischen Grundbedürfnissen und damit Heilung durch

Entspannung, Vertrauen und Geborgenheit und innere Entstressung.

Es geht dann nicht mehr nur noch um Überlebenssicherung oder den verbissenen kränkenden Kampf darum, wer Recht hat, sondern die kooperative Gestaltung sinnzentierten

Lebens in Verbundenheit und zum Wohle aller wird denkbar und ermöglicht.

 

Dr. Wolf-Jürgen Maurer

 

Weiterführende Hörbücher:

PSS 1,9,23,25, und v.a. 27

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