Bewusstseinstexte Dr. W.-J. Maurer

Körperhaltung, Organsprache und Psychosomatik

von Dr. med. Wolf-Jürgen Maurer

Bei psychosozial mitbedingten körperlichen schmerzhaften Beschwerden des Bewegungsapparates geht es um unbewusste Vorgänge auf Basis der leib-seelischen Ganzheit, wie sie die psychosomatische Medizin ja vertritt, weil Körper, Seele und Geist nicht getrennt voneinander zu betrachten sind.

Deshalb zeigt sich die seelische Einstellung, die innere Haltung eines Menschen, auch in der äußeren Haltung und Bewegung.

So wie man sich bewegt und wie man geht, so geht es einem auch.

So wie man sich innerlich hält, drückt es unser Leib auch über die Körpersprache aus.

Manche Menschen verbiegen sich zum Beispiel die ganze Zeit – oder sie katzbuckeln. Und das sieht man wirklich an einer verkrümmten Wirbelsäule, einem Buckel also, wie er oft bei Menschen auftritt, die eine Demutshaltung einnehmen, die sich gewohnheitsmäßig unterwerfen.

Fleischgewordene Erfahrungen?

Der Körper ist der Spiegel der Seele und der Lebensgeschichte des jeweiligen Menschen.

Wir alle verkörpern unsere Biographie.

Selbst unsere Gedanken, die ja unsere Seele einfärben, drücken sich in unserer Körperhaltung aus. Das alles geschieht ganz wesentlich über unsere inneren Bilder. Wir Menschen denken nicht nackte Gedanken, sondern leben in unseren Vorstellungen und konstruieren uns die Welt, indem wir sie durch Filter wahrnehmen, und gelangen so zu inneren Bildern, die sich auf den Körper auswirken.

Diese Bilder repräsentieren, wie wir uns in Beziehungen erleben, was wir von anderen Menschen halten, wie wir uns selber wahrnehmen, ob wir uns also zum Beispiel selber mögen, ob wir uns groß, klein, schwach oder stark fühlen, fähig oder minderwertig.

Diese Bilder sind oft mit Schlüsselszenen aus der eigenen Lebensgeschichte verbunden – in diesen Szene leben Menschen wie Traumwandler. Gerade unsere Patienten in der Klinik in Scheidegg sind darin wie in einer selbsthypnotischen Trance gefangen – nur leider in einer Problem-Trance, will heißen: Sie leben die ganze Zeit in der Vergangenheit, in dem Anteil ihres Lebens, der nicht so gut war.

Sie sitzen gewissermaßen in einem inneren Heimkino, das vor allem Katastrophenfilme zeigt. Und deren Bilder und Szenen schlagen physiologisch durch bis auf die einzelne Körperzelle, wie wir heute aus der Immun- und Stressforschung wissen.

Was jemand denkt und sagt und wie er sich dabei fühlt, wirkt sich sofort auf den Körper aus, auch auf dessen Haltung.

Wenn jemand den Kopf einzieht, dann war das früher so etwa wie eine Schutzreaktion vor einer Verletzung, aber auch eine Demutsgeste in die Urhorde hinein. Hier zeigt sich bis heute eine Form nichtsprachlicher Kommunikation mit anderen Menschen – etwa als Ausdruck der Bereitschaft, eine bestimmte Rolle einzunehmen oder eben nicht: hier das Alpha-Tier, dort der gute Mitläufer, von dem keine Gefahr für den Anführer ausgeht, der lieber in Ruhe gelassen werden möchte und unterwürfig darum bittet, ihm nichts anzutun.

Und so schlägt auch in der stolzgeschwellten Brust sicher unser animalisches Erbe durch – natürlich jeweils abhängig von unseren Genen, von Hormonen wie dem Testosteron, das bei Männern durchschlägt.

Durch solche stumme Gesten zeigen wir unser Temperament, unseren Charakter, und signalisieren unsere Stärken nach außen.

Aber wir zeigen eben auch, wo wir durch frühere Beziehungserfahrungen und Verletzungen geknickt wurden, wo uns das Kreuz gebrochen wurde, wo uns der Wille aus- oder abtrainiert worden ist.

Der Körper zeigt hier bloß, was der Mensch innerlich empfindet.

Jedes Gefühl geht mit einer körperlichen Begleitreaktion einher – das ist über die Nerven so verschaltet.

Gedanken und Gefühle erzeugen deshalb körperliche motivationale Impulse bis in die Muskeln hinein – das geschieht in fixierten Mustern.

Wer sich depressiv und niedergeschlagen fühlt, kann sich deshalb nicht hoch aufrecht, mit vor Stolz geschwellter Brust und gerecktem Kinn, hinstellen und verkünden, er sei depressiv. Das geht nicht, weil man es so nun mal nicht empfindet.

Genauso wenig können wir Angst empfinden, wenn unsere Muskeln völlig entspannt sind.

Ich bin also mein Körper – das lässt sich nicht türken.

Das Ehrlichste, was wir haben, ist unsere Körpersprache. Hier können wir anderen, aber auch uns selber, nichts vormachen.

Mit dem Symptom der schmerzhaften Nackensteife, also der „Halsstarrigkeit“, kann verbunden sein, dass jemand mit Macht und Durchhaltevermögen etwas erreichen will – dann wäre das etwas Gutes. Wenn die Halsstarrigkeit aber für Sturheit steht, dann ist es negativ, weil sich jemand nicht mehr von seiner Vorstellung lösen kann, wie er selber, wie andere und wie die Welt sein müssten.

Dann ist dieser Mensch wegen seines riesigen Selbstanspruchs schnell verkrampft, seine Muskulatur verspannt – vor allem die Schulter-Nacken-Region und der Trapezmuskel, also der Selbstbehauptungsbereich, wie ich ihn nenne.

Solche Menschen haben einen riesigen Anspruch an sich selber, neigen zur Zwanghaftigkeit, oft als Abwehr eines Gefühls von Minderwertigkeit und Unterlegenheit. Sie versuchen buchstäblich krampfhaft Stärke zu zeigen und überziehen dann, was viel Kraft kostet und dazu führt, dass die Betreffenden nicht mehr lockerlassen können.

Sie meinen, die Welt nach ihrem Bilde formen zu müssen – natürlich eine Selbstüberschätzung, doch der Muskulatur bleibt nichts anderes, als mit der seelischen Daueranspannung mitzugehen.

Viele Gefühle, die schmerzlich und unangenehm sind und deshalb bewusst nicht erlebt werden sollen, schlagen körperlich durch und werden – bildlich gesprochen – eingefroren, in den Muskelpanzer weggesteckt. Der Betroffene versteift sich.

So leidet der Körper dann unter der Bürde nicht gefühlter Gefühle.

Körper und emotionale Grund-Stimmung beeinflussen sich gegenseitig:

Wenn jemand schlecht drauf ist, dann hält er den Kopf gesenkt, knickt in den Knien ein, lässt die Schultern und die Mundwinkel hängen. Das geht automatisch.

Selbst wenn jemand, dem es gerade gut geht, eine solche Depressionshaltung einnimmt, sinkt seine Stimmung nach etwa einer Viertelstunde.

Dass aber die Stimmung sich der Körperhaltung anpasst, kann man nutzen, um die eigene seelische Verfassung zu verändern, denn den Körper hat man ja immer dabei, und er lässt sich – anders als meistens die Gefühle – direkt und bewusst beeinflussen, und zwar über Handlungen und die Körper-Haltung.

Mit Patienten übe ich in solchen Fällen eine Problemlösungs-Gymnastik ein.

Ich spiegele ihnen, wie verkrümmt sie dasitzen, wie niedergeschlagen sie nicht nur sind, sondern auch wirken.

Und dann frage ich sie, wie sie ihren Kopf und die Schultern wohl halten würden, wenn es ihnen besser ginge, auch wie sie dann atmen und sitzen würden.

Dann üben wir das zusammen ein und wechseln immer wieder zwischen der Problemhaltung und der Lösungshaltung.

Es ist dabei wichtig für die Patienten, erst einmal zu spüren, wie sie sich normalerweise verkrampfen, wie halsstarrig und verbogen und bedrückt sie sich halten und wie sie sich aus dieser Haltung befreien können, neu positionieren können .

Und sie fühlen sich dann auch eindeutig anders. Ich selber spüre das alltäglich. Und das können Hirnforscher heute auch mit modernen bildgebenden Verfahren, etwa funktioneller Kernspintomographie, nachweisen, indem sie Veränderungen im Hirn beobachten, während jemand sich anders hält oder seine Gestik und Mimik verändert.

Wenn jemand nur eine Viertelstunde lang sein Spiegelbild anlächelt, verändert sich schon im so genannten Belohnungszentrum des Gehirns etwas deutlich, so dass verstärkt Wohlfühlhormone wie Serotonin und Dopamin ins Blut ausgeschüttet werden.

Unser Gehirn ist lebenslang lernfähig und neuroplastisch. Das heißt, was man oft denkt, fühlt und macht, vernetzt sich im Gehirn verstärkt, bildlich gesprochen: in Form von stark befahrenen Nerven-Autobahnen, von denen man irgendwann kaum noch runterkommt.

Zuerst machen wir unsere Gewohnheiten, und dann machen die Gewohnheiten uns.

Und das spiegelt sich auch in unserer Mimik.

Unser mimischer Ausdruck entsteht schließlich durch das Spiel der Gesichtsmuskeln, auf die unsere Psyche einwirkt. Wenn ich nichts von mir halte, werde ich auch dementsprechend aus der Wäsche gucken – weshalb wir Psychosomatiker ja auch sagen, ab einem Alter von 40 Jahren ist jeder für sein Gesicht selber zuständig.

Achten wir ruhig öfter auf die psychosomatischen Zusammenhänge zwischen Beschwerden, Organen, Gefühlen und Beziehungserlebnissen, die sich im Volksmund umgangssprachlich bereits zeigen:

So z.B., „Es geht mir an die Nieren“:

Die Niere ist ein empfindliches Organ, das zwar in der Tiefe des Körpers liegt, aber durchaus erschütterungsempfindlich ist – was man bei einem Schlag gegen den Lendenbereich leicht spürt. Auch ein schwaches Kreuz wirkt oft auf die Nieren ein.

Bei Nierenerkrankungen spielen oft Unsicherheit und mangelndes Urvertrauen eine Rolle – etwa die diffuse Angst, im Alltag oder in der Welt nicht bestehen zu können.

Diese häufig alten Grunderfahrungen und traumatischen Erlebnisse graben sich mitunter tief ins organische Substrat ein – aber auch aktuelle Beziehungserschütterungen und -enttäuschungen.

Man kann das nicht genau beweisen und erklären, und es gibt auch keine Zwangsläufigkeit etwa dergestalt, dass jemand mit mangelndem Urvertrauen auf jeden Fall irgendwann Nierensteine bekommt oder dergleichen.

Aber meine ärztliche Erfahrung zeigt einfach, dass solche Grundängste und Unsicherheiten sich erkennbar häufig in Nierenleiden niederschlagen.

Anders als vor vierzig Jahren, wissen wir heute, dass nicht hinter jeder organischen Erkrankung ein ganz spezifischer Konflikt steckt.

Das war eine sehr überzogene Vorstellung –und ich warne davor, hier gleich mit Deutungen aus der Hosentasche herauszurücken.

Jeder hat aber Schwachstellen im Körper – mal der Magen, mal das Herz –, so dass es sehr individuell und nicht vorherzusagen ist, wo im Körper jemand mit organischen Beschwerden reagiert, der unter Stress steht und diesen nicht gut regulieren kann.

Doch die Organsprache ist eine gute Möglichkeit, um mit Patienten überhaupt erst mal ins Gespräch zu kommen über leib-seelische Zusammenhänge.

Hier helfen diese alten Weisheiten des Volksmundes, die noch dazu heute nicht selten durch die moderne Hirnforschung gestützt werden.

Die Frage, wie es dem Menschen vor mir aktuell in seiner Lebenssituation geht, ist für mich der Einstieg ins Patientengespräch, über die reinen Organbefunde hinaus.

Übrigens auch die Frage, wie er geht, denn so wie ich gehe, so geht es mir.

Und was mir außerdem sehr wichtig ist zu vermitteln:

Psychosomatisch zu reagieren ist normal – und nicht etwa eine Krankheit.

Seele und Körper hängen nun mal zusammen.

Und gerade die Menschen, die ihre Gefühle nicht mehr wahrnehmen und ausdrücken können, haben enorme körperliche Begleitreaktionen, die sie aber nicht mehr bewusst mit ihren Beziehungserfahrungen verbinden können – sie sind quasi gefühlsblind geworden, und schauen dann umso mehr ängstlich und sorgenvoll, was ihr Körper da eigentlich macht, was an ihm, wie sie meinen, kaputt ist.

Sie sehen gar nicht, dass ihr Körper ganz normal auf ihr seelisches Erleben in Beziehungen reagiert.

Sie verstehen sich selbst nicht mehr, sind von sich entfremdet, behandeln Ihren Körper wie eine Maschine.

Dieses Unvermögen, noch etwas fühlen zu können, ist extrem bei Depressiven, aber wir sehen es bei allen schweren psychosomatischen Erkrankungen, dass die Betroffenen ihren Stress nicht mehr gut regulieren können – schon weil sie als Kleinkinder nicht gelernt haben, sich zu beruhigen.

Der seelische oder Beziehungs-Konflikt (zwischen Wünschen und Ängsten), der eigentlich geklärt werden müsste, wird buchstäblich weggesteckt – in den Muskelpanzer nämlich.

Deshalb müssen die Patienten in der Therapie regelrecht lernen, die weggesteckten Gefühle wieder zu identifizieren, zunächst indem sie diese möglichst genau beschreiben:

Wie genau fühlt sich das an?

Das geht auch über den Atem: Indem die Patienten sozusagen in die schmerzenden Stellen hineinatmen, also bewusst Kontakt zu ihnen aufnehmen, sollen sie alle Bilder und Gefühle einfach kommen lassen, die sich melden – so können diese Erinnerungen wieder mit den aufsteigenden Gefühlen vernetzt werden.

So kann das im Körper eingefrorene Gefühl wieder mit Worten benannt werden.

Dann gilt schließlich nicht länger der Satz: „Wenn die Seele die Sprache verliert, fängt der Körper zu reden an….“, sondern sein Gegenteil: Wenn die Seele erstmals reden darf, kann der Körper endlich schweigen-und heilen.“

Finden Sie zurück zur Sprache Ihrer Seele,

das wünscht

Dr. Wolf Maurer

Weiterführende Hörbücher:

PSS Band 1, wenn die Seele die Sprache verliert, fängt der Körper an zu reden (Wie der Umgang mit Gefühlen krank macht)

PSS Band 6, Schmerz als Schrei der Seele

und

PSS-Folgen: 2, 3, 4, 5, 8, 12, 13 , 27
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Buch:

Christian-Peter Dogs, Wolf-Jürgen Maurer: “Naturheilverfahren und Psychosomatik. Lösungsorientierte Praxis“, 2. überarbeitete Auflage 2003, Hippokrates Verlag

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