Bewusstseinstexte Dr. W.-J. Maurer

Hypochonder – eingebildete Kranke?

von Dr. med. Wolf-Jürgen Maurer

 

Hypochondrische Patienten haben Angst davor, krank zu werden, oder sind überzeugt davon, bereits krank zu sein. Doch der Arzt findet nichts. Die Angst bleibt.

Was steckt dahinter?

Was kann ein Betroffener selbst tun?

Ich spüre einen Druck im Oberbauch und denke sofort an die Möglichkeit, daß ich Magenkrebs habe. Bei einem Druck im Brustbereich kriege ich Panik, weil ich an einen kurz bevorstehenden Herzinfarkt glaube. Beim Anblick einer Hautabschürfung befürchte ich, Hautkrebs zu bekommen. Ich lese über die Möglichkeit eines Zusammenhangs zwischen Kopfschmerzen und Hirntumoren und bin plötzlich überzeugt und voller Angst, einen solchen bereits in meinem Schädeldach mit mir herumzutragen.“

Bei solchen Ängsten und Befürchtungen, die jeder zuweilen in seinem Leben kennt, spricht man von hypochondrischen Befürchtungen. Signale unseres Körpers lösen eine plötzliche Befürchtung aus und all unsere Aufmerksamkeit richtet sich alarmiert auf den Körper, der fortan beobachtet und untersucht wird. Bei Ärzten und Krankenschwestern, aber auch bei Medizinstudenten finden sich vorübergehend solche Symptome häufig. Meist sind solche Befürchtungen nur vorübergehend oder sind zumindest durch eine ärztliche Untersuchung und Mitteilung eines unauffälligen Befundes wieder aufzulösen.

Was aber passiert, wenn die Angst bestehen bleibt? Dann spricht man von einem hypochondrischen Syndrom mit Krankheitswert, dem sog. echten Hypochonder. Hierbei handelt es sich um eine psychische Störung, eine Form der Angsterkrankung. Hypochondrische Patienten haben Angst davor, krank zu werden oder leiden unter der angstvoll gefärbten Überzeugung, bereits krank zu sein.

Trotz gegenteiliger Versicherungen von Ärzten hält der Patient unbeirrbar an der Überzeugung fest, an einer bösen Krankheit zu leiden, er ist ständig gequält von der Angst, daß in seinem Körper irgend etwas nicht stimmt, interpretiert körperliche Signale fehl. Seine Gedanken kreisen immer nur um die Themen Gesundheit bzw. Krankheit. Er beobachtet seinen Körper exzessiv, wird krank vor Sorge und entwickelt nicht selten Todesängste. Gedanken kreisen zunehmend um Krankheiten, die vermehrt öffentlich in Medien diskutiert werden, es kommt zum sog. Doktor-Shopping, d.h. häufig wird der Arzt gewechselt. Zunehmend kommt es zu einer selbstbezogenen Einengung auf den eigenen Körper, Rückzug von anderen Menschen, die ganze Energie wird aus zwischenmenschlichen Beziehungen abgezogen und auf die Hinwendung zum eigenen Körper verschoben.

Der Begriff leitet sich vom Hypochondrium her, also von dem Bereich, der unter dem Rippenbogen liegt. Dieser Begriff verweist darauf, daß häufig innere Organe betroffen sind, aber hypochondrische Ängste können sich prinzipiell auf jeden Körperteil richten. Eine besondere Form der Hypochondrie stellt die Dysmorphophobie, die Mißgestaltsfurcht, vor allem in der Pubertät, dar. Hier werden äußerlich sichtbare und für den sozialen Kontakt mit Anderen bedeutsame Körperteile als verändert und deformiert empfunden („Schönheits-Hypochondrie“).

Die Störung Hypochondrie ist in vielen Aspekten der Zwangsstörung sehr ähnlich. Sowie der an einem Zwang Leidende, der ständig die Tür oder den Ofen kontrolliert, so kontrolliert der Hypochonder ständig seine Gesundheit. Nicht verwundern muß, daß die ständige Angst sich auf die Stimmung auswirkt. Demzufolge leiden etwa die Hälfte aller Hypochonder auch unter einer Depression. Deshalb wird auch vermutet, daß der Störung auch zum Teil biologische Ursachen zugrunde liegen, nämlich daß der Haushalt bestimmter chemischer Botenstoffe im Gehirn (sog. Neurotransmitter) gestört ist. Studien, die das beweisen, fehlen jedoch noch und auch hierzu angesetzte Antidepressiva haben nur zum Teil Erfolg.

Eine moderne Form der Hypochondrie besteht häufig in sog. umweltbezogenen Befürchtungen. Waren es früher nur die Naturphänomene wie Blitz und Donner, die bedrohlich wirkten, liegen aktuelle heutige Befürchtungen vor allem in der ängstlichen Bedrohung durch elektromagnetische Wellen (Elektrosmog, radioaktive Strahlen), Möglichkeiten chronischer Vergiftungen durch z.B. Amalgam oder Holzschutzmittel oder zahlreichen chemischen Substanzen, denen eine allergische Sensibilisierung unterstellt wird (multiple chemische Sensitivität, MCS-Syndrom).

Das Gemeinsame aller dieser Befürchtungen und Einflüsse ist deren Unsichtbarkeit, die bis zur fehlenden Nachweisbarkeit reicht. Sie steht in einem merkwürdigen Gegensatz zur verbreiteten Vernachlässigung der schädlichen Wirkung sichtbarer Noxen wie die des Sonnenlichts, des Nikotins und Alkohols, des Straßenverkehrs und anderer Einflüsse. Offensichtlich ist das Bedrohungsgefühl durch unsichtbare, d.h. nicht kontrollierbare Schädigungsträger besonders ausgeprägt, wie die gleichen Eigenschaften dazu einladen, alle subjektiven Beschwerden den einmal der Umwelt zugeschriebenen Ursachen anzulasten. Allerdings soll hier nicht dem leichtfertigen Umgang mit Umweltgefahren das Wort geredet werden, viele Klärungen müssen noch abgewartet werden. Fraglos ist allerdings, daß es leider auch Interessengruppen gibt, die zum Erhalt der sog. neuen Umweltkrankheiten beitragen und teilweise geradezu aggressiv in den Medien auf Anerkennung drängen und somit hypochondrische Ängste in der Bevölkerung schüren. Gerade Patienten mit Angsterkrankungungen und verunsicherbare Persönlichkeiten sind hierfür anfällig.

Etwa 10 % der Bevölkerung können schätzungsweise als Hypochonder diagnostiziert werden. Dabei gibt es keine Unterschiede hinsichtlich des Geschlechts oder des Alters. Am häufigsten treten diese Befürchtungen zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr auf. Allerdings wird nur ein Bruchteil offiziell als Hypochondrie diagnostiziert, weil solche Patienten selten zum Psychiater gehen, sondern in der Regel zum Körper-Mediziner. Ärzte zögern verständlicherweise häufig, diese Diagnose zu stellen aus Angst, sie könnten eine ernste Krankheit übersehen. Außerdem erleben viele Patienten die Aussage, sie seien seelisch krank als eine harte Zurückweisung, als würden sie zu eingebildeten Kranken herabqualifiziert. Festzuhalten ist, daß Hypochonder tatsächlich die Symptome und Schmerzen, die sie beschreiben, auch haben und selbst empfinden. Der Hypochonder erlebt jeden Arzt, der diagnostisch und therapeutisch auf seine Beschwerden eingeht als kompetenten Verbündeten und jeden, der ihn auf die mögliche psychische Verursachung und Möglichkeiten der Selbstkontrolle hinweist, als insuffizienten Gegner. Das verleitet wiederum viele Ärzte zur Mitteilung von Mikro-Diagnosen, sog. Schein- und Bagatell-Diagnosen und Vermutungen, was wiederum beim Patienten die Krankheitstheorie bestärkt. Es ist nicht verwunderlich, daß die Patienten dann dazu neigen, sich an ihre Ärzte als Schutzfiguren emotional anzuklammern, wobei wichtig ist, daß alle Entlastung durch den Arzt letztendlich die Abhängigkeit des Kranken von seinen Beschützern verewigt.

Ein hypochondrisches Syndrom kann mit sehr unterschiedlicher Intensität und Dauer auftreten. In der schweren krankheitswertigen Form der hypochondrischen Störung muß zumindest eine 6 Monate anhaltende Überzeugung vom Vorhandensein einer körperlichen Krankheit vorliegen, auch wenn wiederholte Abklärungen keinen ausreichenden Befund ergeben haben. Schwer Depressionen, Persönlichkeitsstörungen oder schizophrene Psychosen müssen ausgeschlossen werden. Die Befürchtungen müssen so ausgeprägt sein, daß sie das Alltagsleben erheblich belasten und ständig neue medizinische Wiederholungsuntersuchungen vom Patienten gefordert werden.

Wie entsteht Hypochondrie?

Man muß heute davon ausgehen, daß unter emotionalem Druck beim Patienten sich die Gedanken und Wahrnehmungen bzgl. des eigenen Körper verändern. Es kommt zu einer gefühlsmäßig-gedanklichen Fehlinterpretation normaler Körperphänomene mit der Folge, daß dieser immer mehr in die Aufmerksamkeit des Patienten tritt und er zu einem selbstbeobachtenden Verhalten und Rückzug aus sozialen Beziehungen neigt. Ausgelöst werden kann eine solche hypochondrische Symptomatik durch eine aktuelle Belastungssituation. Zwischenmenschliche Konflikte können so „verschleiert“ werden und diffuse Angst, z.B. Trennungsangst, kann so in „Symptomen“ gebunden werden. Allerdings können hypochondrische Symptome auch langfristig, über Jahrzehnte, vorliegen. Sie können dann der unbewußten Verarbeitung von Schuldgefühlen dienen. So z.B. bei einem 78-jährigen Patienten, der sich mehrfach auf die Folgen einer Geschlechtskrankheit, ohne daß aber etwas gefunden wurde, untersuchen ließ. In einem Gespräch gestand der alte Mann unter Tränen schließlich, daß er „ein einziges Mal, Herr Doktor, im ersten Weltkrieg in Flandern in einem Bordell gewesen sei“. Vor seinem Gewissen büßte der Patient bei Aufnahme schon seit über 40 Jahren mit der hypochondrischen Befürchtung, die Franzosen-Krankheit zu haben.

Oft weiten sich solche Ängste jedoch auch aus und erstrecken sich am Ende auf fast jedes Organ und auf jede Krankheit. Die prognostisch schlechtesten Formen wechseln ständig in der Art der hypochondrischen Befürchtung. Hier ist das hypochondrische Syndrom eng verbunden mit der Persönlichkeitshaltung und der Persönlichkeitsstruktur eines Menschen. Hypochonder sind häufig von Natur aus ängstliche und vorsichtige Menschen. Die ängstigende oder einengend-überbehütende Erziehung, Lernvorbilder und die Funktion von Krankheit in der Familie haben bei ihnen eine zentrale Rolle gespielt. Häufig gab es einen chronisch Kranken in der Familie, wobei hierdurch die Aufmerksamkeit vermehrt in Richtung möglicher Krankheitssymptome gelenkt wurde. Als schmerzhaftes Lebensereignis und eigene Trennungsimpulse, der Tod eines geliebten Menschen, können den Patienten so unter massiven Streß setzen, daß eine hypochondrische Symptomatik ausgelöst wird. Hierbei kommt es dann zu einer Verschiebung der Ängste aus der Außenwelt auf den eigenen Körper. Der Hypochonder trägt quasi den Grund seiner Angst ständig mit sich herum. Hypochonder haben wie alle Angstpatienten ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis, versuchen alles zu kontrollieren, alles planbar und berechenbar zu machen und alles, was neu ist und alles, was mit Veränderungen verbunden ist, löst erst mal Streß aus. Es liegen auch häufig folgende falsche und problematische Annahmen zugrunde wie z.B. „gesund ist man nur dann, wenn man sich 100 %ig wohl fühlt“. „Es ist möglich sich absolut sicher zu sein, daß man gesund bzw. nicht krank ist“. „Körperliche Veränderungen sind normalerweise ein Anzeichen einer schweren Krankheit, weil jedes Symptom eine identifizierbare körperliche Ursache haben muß“.

Wenn du nicht sofort zum Arzt gehst, wenn du irgend etwas Unübliches bemerkst, dann wird es zu spät sein“. Andere Überzeugungen beziehen sich häufig auf spezifische persönliche Schwachpunkte wie z.B. „Herzprobleme liegen in der Familie“, oder „ich hatte schon schwache Lungen, als ich ein Baby war“.

Wie kann eine psychische Belastung zu körperlichen Beschwerden führen?

Ängstliche Personen reagieren auf seelischen Streß allgemein mit einer erhöhten Selbstbeobachtung. Zwischenmenschliche Konflikte lösen häufig heftige Gefühle aus, die allerdings vom Patienten nur mangelhaft wahrgenommen und vor allem auch nicht ausgedrückt werden aus Ängsten vor den Konsequenzen oder vor dem möglichen Abbruch einer Beziehung. Je weniger Gefühle ausgedrückt werden, desto größer und intensiver sind die körperlichen Begleitreaktionen im Sinne der Reaktion des Körpers auf emotionalen Streß. Da die Aufmerksamkeit der Angst-Patienten unter Streß auf die Signale des Körpers gelenkt ist, werden normale leichte Veränderungen im Körper unter Streß, die vorher gar nicht bemerkt wurden, ängstlich wahrgenommen und katastrophal negativ interpretiert. („Dies ist das erste Zeichen einer schweren Krankheit“.) Dies führt zu noch größerer Angst und Erregung,weiterer erhöhter Aufmerksamkeit und Selbstbeobachtung auf den eigenen Körper, dem Wunsch nach Rückversicherung, so daß sich hier ein Teufelskreis schließt. So entsteht ein Lernprozeß, an dessen Ende körperliche Signale gar nicht mehr nötig sind, um die Angst vor einer Krankheit auszulösen. Allein negative Gedanken und Vorstellungsbilder genügen (im Sinne einer Selbsthypnose), um körperliche Symptome hervorzurufen.

Dieser Mechanismus bekommt bei allen Menschen, die von ihrer Persönlichkeitsstruktur sehr verletzlich und in ihrer Identität verunsicherbar sind, eine wichtige Funktion. Durch die Konzentration aller psychischen Energie auf den eigenen Körper wird der Versuch gestartet, durch diese intensive körperliche Zuwendung zu sich selbst die eigene Identität, das eigene Selbstgefühl zu erhalten oder zu stabilisieren. Weiterhin dient der Umgang mit dem eigenen Körper der Verarbeitung schwieriger Beziehungserfahrungen mit anderen Menschen. Beziehungserfahrungen, die die Patienten gemacht haben, oder die sie sich wünschen, scheinen im Umgang zwischen ihrem Selbst und ihrem Körper auf. Manche Kranke gehen mit ihrem kranken Körperteil so liebevoll um, wie sie es selbst gerne als Kind von ihrer Mutter gewünscht hätten. Hier zeigt sich dann ein Persönlichkeitsteil des Patienten, der hilf- und schutzbedürftig ist, während der Patient sich sonst nach außen hin häufig forsch und unabhängig gibt. Nach dem Tod eines geliebten Menschen kann der hypochondrisch kranke Körperteil als ein ständiger Begleiter, der einen nie verläßt, den schmerzlichen Verlust und die Trennungserfahrung vermeiden helfen. Häufiger allerdings ist der oft heftige, gar nicht liebevolle Umgang mancher Patienten mit dem eigenen Körper. So werden häufig drastische, diagnostische Eingriffe wie eine Mißhandlung gefordert. Hierbei können Haßimpulse gegen andere, die sehr stark schuldhaft erlebt werden, als Hintergrund des hypochondrischen Verhaltens gesehen werden. So kann in einer Psychotherapie deutlich werden, daß der Patient auf einer unbewußten Ebene Zwiesprache mit dem eigenen Körper hält oder emotional wichtige Beziehungen in seinem Umgang mit den vermeintlichen Körpersymptomen re-inszeniert. Verfestigt werden kann eine solche hypochondrische Angstsymptomatik durch Lernprozesse wie z.B. eine soziale Verstärkung durch den Partner. Eine solche Symptomatik kann in Beziehungen Nähe und Distanz kontrolliert werden. Weiter können Ärzte durch wiederholte Untersuchungen und Vermittlung von Scheindiagnosen zur Chronifizierung beitragen, ebenso durch eine nicht indizierte Medikation mit Beruhigungsmittel, die schnell zu Sucht und Abhängigkeit führen. Nur durch eine gute, intensive, langfristig ausgerichtete hausärztliche Beziehung zum Kranken unter Einschluß von psychotherapeutischen Möglichkeiten kann die hohe Neigung zur Chronifizierung vermieden werden.

Was kann ein Betroffener tun?

  1. Suchen Sie einen Arzt auf, dem Sie vertrauen und lassen sich untersuchen.

  2. Vermeiden Sie auf jeden Fall ein ständiges Wechseln von einem Arzt zum nächsten.

  3. Finden sich keine körperlichen Erklärungen, so besprechen Sie mit Ihrem Arzt Ihre weiter bestehenden Sorgen.

  4. Hilfreiche Fragen sind:
    Was hat sich in meiner Umgebung in letzter Zeit verändert, insbesondere was hat sich in wichtigen Beziehungen verändert:

– Gibt es neue Beziehungen, die mich drohen zu vereinnahmen, die alte Näheängste wecken
oder gibt es Befürchtungen, daß Beziehungen zu wichtigen Anderen gefährdet sind?

– Wie reagiere ich in letzter Zeit emotional auf wichtige Bezugspersonen?
– Welche negativen Gefühle wie Angst, Wut, Trauer nehme ich nur wenig wahr?
– Was hindert mich daran, diese Gefühle und meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse in
Beziehungen auszudrücken?
– Gibt es Modelle in der Umgebung oder auch in den Medien, aber auch in meiner
Ursprungsfamilie, die Ähnlichkeiten haben mit den Krankheitsbefürchtungen, die ich
habe?

– Wie groß ist mein Streßniveau derzeit in meinem Leben?

– Gibt es auch positive Auswirkungen meines Krankheitsverhaltens?

– Könnte meine Symptomatik eine wichtige Ablenkungsstrategie sein von anderen
Problemen in meinem Leben, die seelisch sehr belastend sein könnten?

– Woran müßte ich denken, wenn meine Wahrnehmung nicht so von meinem eigenen
Körper gefesselt wäre? (Vogel-Strauß-Strategie?)
– Wieviel Positives, Beglückendes gibt es derzeit in meinem Leben?
– Was fehlt mir (an wichtigen Wünschen und Bedürfnissen) wirklich derzeit in meinem
Leben?
– Was war mein größter Wunsch, meine größte Sehnsucht?

– Habe ich mehr Angst vor dem Tod als vor dem Leben?

– Was in meinem Leben macht mir wirklich Angst, was riskiere ich nicht?
– Wo gibt es noch Spannendes in meinem Leben?

 

5. Versuchen Sie also auch die Möglichkeit mit einzubeziehen, zumindest eine Zeit lang daß
psychische Komponenten mit eine Rolle spielen bei Ihren Krankheitsbefürchtungen. Falls
Sie durch obige Fragen einige Hinweise bekommen, öffnen Sie sich der Möglichkeit,
Kontakt aufzunehmen mit einem Psychotherapeuten (z.B. kognitiver Verhaltenstherapeut),
den Ihnen Ihr Hausarzt empfehlen kann, ohne daß Sie auf die hausärztliche Weiterbegleitung
verzichten müssen.

6. Versuchen Sie sich auch mit anderen Dingen außerhalb Ihrer Gesundheit zu beschäftigen.

7. Erlernen Sie Entspannungsverfahren.

8. Stoppen Sie Ihr Vermeidungsverhalten: Werden Sie wieder aktiv, treiben Ausdauersport,
machen wieder viele Dinge, die Ihnen früher Spaß gemacht haben und ziehen Sie sich sozial
nicht zurück. Klären Sie notfalls mögliche zwischenmenschliche Konflikte (auch hierbei
kann eine Psychotherapie hilfreich sein!). Kümmern Sie sich eventuell um ein
angeschlagenes Selbstwertgefühl!

9. Bei akuteren Krankheitsbefürchtungen machen Sie sich deutlich, wie Ihre katastrophalen
Gedanken alles nur noch verschlimmern. Rufen Sie laut oder innerlich zu sich: Gedanken
stop! Und weigern Sie sich in ein eigenes Horror-Heimkino einzutreten, in dem Sie sich all
Ihren schlimmsten Befürchtungen hingeben und diese noch ausphantasieren. Vermeiden Sie
auch Rückversicherungen, ständige Selbstbeobachtung und kümmern Sie sich mehr um
Ihre verbliebenen Möglichkeiten, Ihre Lebensqualität zu verbessern. (Hypochonder können
genau so wie andere Menschen körperlich krank werden. Häufiger ist es allerdings, daß Sie
„zur Strafe wegen beeinträchtigter Lebensqualität“ sehr alt werden!)

Was möchten Sie vor Ihrem Tod auf jeden Fall noch erleben?

Kümmern Sie sich um diese hinter Todesängsten aufscheinenden Wünsche und Sehnsüchte!

Fallbeispiel:

Ein 22 Jahre alter Student hat die krankhafte Überzeugung, einen Hirntumor zu haben, trotz unauffälliger Röntgenbefunde, wo lediglich eine völlig harmlose Verkalkung festgestellt wurde. Er könne sich schlecht konzentrieren, könne kaum mehr denken. Diese Beschwerden und Ängste haben nach dem Abitur angefangen. Davor allerdings litt er unter der Angst, daß seine Ohren zu weit abstünden, drängte auf eine Operation, die allerdings von HNO-Ärzten abgelehnt wurde, da diese keinen abnormen Befund erheben konnten. Der Patient benutzte kleine Klebepflaster, um die Ohren doch noch enger am Kopf anliegen zu lassen. Er hatte sehr wenig Kontakt, vor allem konnte er kaum Mädchen ansprechen und führte dies einzig und allein auf seine abstehenden Ohren zurück. Er war das einzige Kind einer Akademiker-Familie, die Eltern trennten sich schon im Vorschulalter des Patienten. Der Patient selbst wuchs bei der Mutter auf. Nach dem Abitur begannen die Beschwerden und verhinderten, daß er von der Mutter wegziehen konnte. In einer Psychotherapie, für die der Patient erst nach einer langen Ärzte-Odyssee von seinem Hausarzt motiviert werden konnte, der ihn gleichzeitig weiterbetreute, zeigte sich die hochgradige Ambivalenz des Patienten in der Beziehung zu seiner Mutter. Er war so eng an seine Mutter gebunden, daß er sie nicht verlassen konnte. Andererseits aber stellte auch die Angst vor einem Hirntumor, der ihm sein eigenes Denkvermögen raubt, die eindringende, ihm keine eigenen Gedanken lassende Mutter dar. Seine Wünsche nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit, Abgegrenztsein und trotzdem mit anderen verbunden zu sein, bildeten das weitere Thema in der Psychotherapie. Er lernte seine eigenen Gefühle besser wahrzunehmen, sie auch in Beziehungen auszudrücken, seine Selbstachtung zu steigern und erarbeitete im sozialen Umfeld der Klinik zunehmend auch Kontakte zu weiblichen Mit-Patientinnen. Es kam zu einer Aussprache mit der Mutter. Schließlich ließen seine Krankheitsbefürchtungen nach. Er konnte auch erkennen, daß er durch seine Symptome daran gehindert wurde, ein Studium zu ergreifen, zu dem ihn sein akademischer Vater und seine Mutter drängten, zu dem er aber eigentlich gar keine Lust hatte. Als er sich für einen lang gehegten Berufswunsch entschied, dies seinen Eltern gegenüber klar vertrat, verbesserten Sozialkontakt und ein verbessertes Selbstwertgefühl hatte, traten die Krankheitsbefürchtungen völlig in den Hintergrund.

Hierfür war allerdings eine 6-wöchige stationäre Therapie in einer psychosomatischen Klinik und eine anschließende einjährige ambulante Psychotherapie erforderlich.

Dr. Wolf Jürgen Maurer

Chefarzt der Privatklinik Hubertus der Panoramafachkliniken Scheidegg

 

Weiterführende Hörbücher:

PSS Band 1, „Wenn die Seele die Sprache verliert, fängt der Körper an zu reden (Wie der Umgang mit Gefühlen krank macht)“

 

PSS Band 6, „Schmerz als Schrei der Seele“

 

PSS Band 2, „Angst als Seelenfresser oder Lebenswecker“

und

PSS 3, 4, 5, 7810, 12, 13, 151618, 20, 21, 25, 27

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