Bewusstseinstexte Dr. W.-J. Maurer

Vom Glück, nicht perfekt zu sein und wahrer Zugehörigkeit

 

– Leben mit offenem Herzen: In sich selbst beheimatet und wirklich verbunden

von Dr. med. Wolf-Jürgen Maurer

 

Menschen sind soziale Wesen.

Wir sehnen uns in unserem tiefsten Wesen nach echter Verbundenheit und wahrer Zugehörigkeit.

Bindung ist eines unserer wesentlichsten Grundbedürfnisse, man kann auch sagen ein Grundnahrungsmittel unserer Seele.

Menschen brauchen Kontakt und mitmenschliche Resonanz wie Pflanzen Licht und Wasser.

Angst, nicht zugehörig zu sein, ausgegrenzt und sozial isoliert zu werden, ist eine der größten Urängste des Menschen: die Angst vor Einsamkeit, vor Ausgeschlossensein und Ablehnung.

Aber genau diese Einsamkeit nimmt in Industrienationen ständig zu infolge der zunehmenden Spaltung in unseren Gesellschaften, dem übertriebenen Individualismus, Leistungsdenken und Konkurrenz, der auseinanderdriftenden sozialen Schere, der Terrorangst und der zunehmenden politisch-sozialen Lagerbildung und gegenseitigen Verurteilung bis hin zu Diffamierung, entwürdigender Beschämung und offenem Hass.

All dies sind meiner Meinung nach Folgen von Angst, die in Egodenken und Abschottung bzw. Angriff mündet.

Einsamkeit nimmt in Industrienationen ständig zu und ist im Alter einer der wesentlichen Killer.

Einsamkeit ist genauso bedrohlich wie Hunger.

Mit Luftverschmutzung zu leben erhöht das Risiko eines frühzeitigen Todes um fünf Prozent.

Fettleibigkeit um 20 Prozent.

Alkoholismus: 30 Prozent.

Und Einsamkeit?

Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit, frühzeitig zu sterben, um 45 Prozent.

Es ist bewiesen, dass Kontakte von Angesicht zu Angesicht unser Immunsystem anregen, unseren Blutkreislauf und unser Gehirn mit positiven Hormonen fluten und zu einem längeren Leben beitragen.

Tatsächlich ist die Vernachlässigung von engen Kontakten zu Menschen, die einem wichtig sind, mindestens so gesundheitsgefährdend wie eine Packung Zigaretten am Tag, Bluthochdruck oder Fettleibigkeit.

Schon ein kurzer Blickkontakt, ein Händeschütteln oder ein freundliches Abklatschen senken den Cortisolspiegel und setzen Dopamin frei, was Stress reduziert und uns einen kleinen chemischen Kick versetzt.

Untersuchungen zeigen, dass ein wöchentliches Kartenspiel oder das Mittwochabend-Treffen mit ein paar Freunden unser Leben um genauso viele Jahre verlängert, wie wenn wir Betablocker einnehmen oder mit dem Rauchen aufhören.

Es gibt für Kontakte von Angesicht zu Angesicht keinen Ersatz.

Soziale Medien sind zwar super, um eine Gemeinschaft aufzubauen, aber für wahre Zugehörigkeit, echte Nähe und wirkliche Einfühlung muss man Menschen in der Realität und in Echtzeit begegnen.

Aber gerade Menschen mit verletzenden Beziehungserfahrungen scheuen echte Begegnungen und den wirklichen emotional offenen Dialog , der zu Verbundenheit führen könnte, aus Angst vor erneuten Verletzungen oder Zurückweisungen- aus Angst vor dem Wiedererleben kindlicher Einsamkeit, die zu einer tiefen Schamwunde führte.

Hinter einem dicken emotionalen Schutzpanzer verstecken sie sich und bemühen sie sich um Kontrolle und eine perfekte Maske, die vor Kritik schützen soll.

So ein Rollenspiel- und Fassaden-Leben aus einem falschen Selbst heraus ist die Wurzel psychischer und psychosomatischer Erkrankungen und mündet in Angst und Depression durch den Verlust des eigenen Wesens und der eigenen Lebendigkeit.

Je mehr sie sich verbiegen, um zugehören zu dürfen, je mehr sie sich anpassen und selbst verleugnen, umso einsamer werden sie, gerade auch wenn sie mitten unter anderen Menschen sind.

Denn wer nicht echt ist, sich nicht traut sich zu öffnen und es nicht wagt, sich authentisch zu zeigen, der schwächt sich selbst durch diesen Verrat am eigenen Wesen.

Wer nicht die Stärke hat, zu sich zu stehen, findet keine Heimat in sich selbst und in der Folge auch keine wirkliche Verbundenheit und Zugehörigkeit zu anderen.

Er vertraut sich nicht an und es entsteht so auch keine vertrauenswürdige Beziehungsbrücke über verbliebene Unterschiede hinweg, da er in seiner eigenen Identität nicht genügend verwurzelt ist.

Perfektion soll schützen, aber Perfektion ist kalt und kann nicht geliebt werden.

Perfektionismus führt in Erschöpfung, Selbst- und Beziehungsentfremdung und ist ständig von Kontrollverlustängsten begleitet, die den Menschen nie zu Ruhe finden lassen.

Ein Perfektionist liebt sich selbst nicht.

Er ist auf der Flucht vor seinem Schatten-Selbst, das er nicht annehmen und integrieren mag.

Er ist auf der Flucht vor dem Schmerz seiner Kindheit und lebt emotional abgeschottet von seinen wahren Gefühlen und von den unbetrauerten Erfahrungen kindlicher Ablehnung und dem Gefühl, nicht willkommen und zugehörig zu sein.

Doch was nicht achtsam gefühlt und mitfühlend angenommen wird, kann sich nicht verändern-und bestimmt und steuert unbewusst unser Leben.

Perfektionismus soll vor dem Gefühl des Ungeliebtseins schützen und verewigt doch die innere unbewusste Grundüberzeugung, so wie man ist, nicht liebenswert zu sein.

Dies ist die Urwunde, die Angst vor dem Gefühl toxischer Scham, die das Leben vergiftet.

Scham ist das äußerst schmerzhafte Gefühl bzw. die äußerst schmerzhafte Erfahrung zu glauben, dass wir als ganzer Mensch fehlerhaft sind und deshalb keine Liebe und Zugehörigkeit verdienen.

Scham untergräbt den Teil von uns, der glaubt, dass wir uns ändern und es besser machen können.

Scham führt zu Versteckspielen.

So bleibt der ängstliche Perfektionist hinter seiner Maske und überangepassten Fassade einsam, ängstlich, ungeliebt und unglücklich- was das Unglück seiner Kindheit paradoxerweise verewigt.

Zugehörigkeit ist der angeborene Wunsch des Menschen, Teil von etwas Größerem zu sein.

Da diese Sehnsucht so ursprünglich ist, versuchen wir häufig, sie zu erfüllen, indem wir uns anpassen und nach Zustimmung heischen, was nicht nur ein hohler Ersatz für Zugehörigkeit ist, sondern diese häufig sogar verhindert.

Da nur dann wahre Zugehörigkeit entstehen kann, wenn wir der Welt unser authentisches, unvollkommenes Selbst zeigen, kann unser Zugehörigkeitsgefühl nie größer sein als der Grad unserer Selbstannahme.

Zugehörigkeit heißt, akzeptiert zu werden, weil du Du selbst bist.

Anpassung bedeutet, akzeptiert zu werden, weil du wie alle anderen bist.

Wenn ich ich selbst sein darf, ist es Zugehörigkeit.

Wenn ich wie du sein muss, ist es Anpassung.

Es geht also darum Selbstliebe und Selbstmitgefühl statt Perfektionismus zu entwickeln und sich mit der eigenen Unvollkommenheit und Verletzlichkeit zu befreunden.

Perfektionismus ist kein Bedürfnis, sondern eine Abwehrstrategie.

Brené Brown, eine amerikanische Soziologin, definiert Perfektionismus in ihrem Buch: „Verletzlichkeit macht stark“ als „…ein selbstzerstörerisches und suchtartiges Glaubenssystem, das dem zugrundeliegenden Gedanken Nahrung gibt: „Wenn ich perfekt aussehe und alles perfekt mache, kann ich die schmerzbesetzten Gefühle von Scham, Beurteilung und Tadel vermeiden oder minimieren.“

Die Maske des Perfektionismus ist eine Abwehrstrategie gegen Schamgefühle.

Wer perfekt sein will, sucht Bestätigung.

Die meisten Perfektionisten wurden in der Kindheit für Erfolge und Leistung gelobt (Zensuren, Benehmen, das Befolgen von Regeln, Beliebtheit, äußere Erscheinung, sportliche Erfolge).

Mit der Zeit haben sie das völlig verinnerlicht: „Ich bin, was ich zustande bringen und wie gut ich es hinbekomme. Ich bin, was andere von mir denken und über mich sagen.“

Bei Perfektionismus geht es dann mehr darum, wie man von anderen wahrgenommen wird als um die eigene innere Motivation.

Gesundes Streben ist selbst-fokussiert: „Wie kann ich wachsen?“ Perfektionismus ist auf andere fokussiert: „Was werden sie denken?

Perfektionismus lebt von der Angst vor dem Ausschluss aus der Gemeinschaft, also von der Angst vor Einsamkeit.

Paradoxerweise macht aber Perfektionismus selbst immer einsamer.

Denn sowohl der Kontakt zu sich selbst und anderen als auch der innere und äußere Dialog wird immer brüchiger.

Wenn ich versuche, perfekt zu sein, dann mindere ich das Gefühle der Scham.

Es scheint also leichter, perfekt zu sein, als dieses unangenehme Gefühl zu fühlen.

Da stellt sich natürlich die Frage: Worüber definieren wir unseren Wert?

Viele Perfektionisten neigen dazu ihre Leistungen sofort mit ihrem Wert als Mensch gleichzusetzen.

So wird das, was einmal als Selbstoptimierung losging, schnell bis zu einem ungesunden Extrem gesteigert.

Und wenn du nicht perfekt bist, dann bist du eben ein Verlierer.

Dazwischen gibt’s nichts.

Schwarz oder Weiß.

Das ist ziemlich unbarmherzig.

Ein Leben in Angst und nicht in Liebe.

Übrigens neigen gerade solche Menschen auch dazu, mit anderen sehr hart ins Gericht zu gehen.

Wer zu sich selbst so hart und erbarmungslos ist, ist oftmals auch anderen gegenüber sehr ungeduldig und unnachgiebig.

Wenn du also glücklich sein willst, hör auf, perfekt sein zu wollen und orientiere dich an deinen eigenen Bedürfnissen und hör auf deine innere Herzensstimme deines wahren Wesens und deiner wirklichen Herzenswünsche.

Zunächst einmal gehört viel Mut dazu, die Maske abzulegen.

Denn alles, was wir von Kind auf verinnerlicht haben, ist schwer zu lösen.

Gut, wenn man dann seine Bedürfnisse kennt.

Wenn die -in der Terminologie der gewaltfreien Kommunikation- kritisch-druckmachende „Stimme des Wolfes (der Angst bzw. des Ego) mit seinem Gekläffe sagt: “Du bist nicht gut genug“, dann antwortet die „Stimme der mitfühlenden Giraffe (der Stimme der Liebe bzw. des wahren Selbst): „Doch, du bist gut genug! Genauso wie du bist, bist du recht!“ Sie fragt: „Welche Gefühle und Bedürfnisse hast du? Wie könntest du sie dir erfüllen?“

In der Gewaltfreien Kommunikation geht es darum, dass du dich als echter, verletzlicher Mensch zeigst.

Die „Giraffe“ steht für Empathie, Mitgefühl, und den liebevollen Umgang mit dir selbst und anderen.

Scham kann in Anwesenheit von Mitgefühl nicht bestehen.

Doch in einer Welt, die von leistungsorientierten Maßstäben beherrscht wird, erscheint Verletzlichkeit jedoch oft als Schwäche.

Das Gegenteil ist jedoch der Fall:

Die eigene Verletzlichkeit zuzulassen macht stark und bietet die Chance, Lebensprozesse mit Authentizität durchzustehen.

Die Sozialwissenschaftlerin Brené Brown von der University of Houston berichtet in ihrem Buch „Verletzlichkeit macht stark: Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden“ von ihren Ergebnissen aus 12 Jahren Forschung zu den Themen Scham und Verletzlichkeit. Sie hat tausende von Menschen interviewt und dabei zwei Gruppen von Menschen gefunden.

1. Menschen die sich wertvoll und geliebt fühlen. Die ein starkes Verbundenheitsgefühl zu anderen Menschen haben. Die ein erfülltes Leben führen.


2. Menschen, die ständig um Liebe und Verbundenheit kämpfen müssen. Die sich immerzu fragen, ob sie gut genug sind.


Das, was die erste Gruppe von der zweiten unterscheidet, ist ihre Verletzlichkeit.

Die Menschen, die ein sehr erfülltes Leben führen, sind interessanterweise auch diejenigen, die eher bereit sind, sich der Verletzlichkeit auszusetzen.

Verletzlichkeit zu zeigen ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben.

Verletzlichkeit ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen von Mut und führt zu mehr Lebendigkeit.

Gehst du das große Risiko ein, dich einem anderen Menschen zu öffnen, bist du auch ein ganzes Stück verletzlich.

In diesem Moment ist deine Verletzlichkeit jedoch etwas Gutes, da sie das Entstehen einer neuen und intimen Bindung ermöglicht.

Verletzlichkeit hat also immer zwei Seiten:

So gesehen lässt sich Verletzlichkeit wohl als ein Zustand beschreiben, in dem man sich öffnet und einen anderen Menschen tief in seine Seele blicken lässt, und dabei von anderen Menschen entweder verletzt oder angenommen und positiv überrascht werden kann.

Wenn man seine Gefühle zeigt und etwas wagt, ist man verletzlich, man steht zu seiner Menschlichkeit, aber man ist als Erwachsener nicht mehr wehr-und schutzlos wie als Kind.

Was ist das größere Risiko: Loslassen, was die Leute denken – oder loszulassen, was ich fühle, was ich glaube, und wer ich bin?

Du wirst immer finden, was du suchst:

Hör auf, durch die Welt zu laufen und nach der Bestätigung Ausschau zu halten, dass du nicht dazugehörst. Du wirst diese Bestätigung immer finden, wenn du es dir vornimmst.

Hör auf, die Gesichter deiner Mitmenschen nach Hinweisen abzusuchen, dass du nicht genügst. Du wirst diese Hinweise immer finden, weil das nun mal dein Ziel ist.

Selbstwert und wahre Zugehörigkeit sind keine Güter: Wir verhandeln nicht mit der Welt über ihren Wert.

Das Wissen, wer wir wirklich sind, lebt in unseren Herzen.

Und der Aufruf zum Mut beinhaltet, dass wir unser Herz vor permanenter Beurteilung schützen, vor allem vor unserer eigenen Beurteilung.

Natürlich kann man sein ganzes Leben damit zubringen, sich selbst zu verraten. Man kann sich für die Anpassung entscheiden und gegen das Alleinstehen.

Aber für den, der sich einmal für seine Überzeugungen entschieden hat, wird das schwieriger.

Ein offenes Herz sperrt sich gegen die Anpassung und wird durch Verrat todunglücklich.

Wer wahre Zugehörigkeit praktizieren möchte, braucht sowohl Mut als auch Verletzlichkeit.

Der Geburtsort von Liebe, Freude, Vertrauen, Intimität– von allem, was unserem Leben Sinn verleiht – ist nun einmal Verletzlichkeit.

Emotionale Schmerzpanzerung verursacht nur noch mehr Schmerz.

Wenn wir zulassen, dass uns jemand unsere Verletzlichkeit nimmt oder uns mit seinem Hass erfüllt, dann haben wir ihm unser ganzes Leben übergeben.

Es erfordert Mut, für uns allein zu stehen und – trotz aller Kritik und Angst – sagen, was wir glauben und tun, was wir für richtig halten.

Werden wir von dem getrieben, was die Leute über uns denken, werden wir uns ständig versuchen zu perfektionieren, beliebt zu machen, zu beweisen und zu verstellen.

So finden wir nie Heimat in uns selbst.

Wahre Zugehörigkeit ist nach Brene Brown „die spirituelle Praktik, so umfassend an sich selbst zu glauben und zu sich selbst zu gehören, dass man sich der Welt in seiner ganzen Wahrhaftigkeit zeigen kann und sein Heil sowohl darin findet, Teil von etwas zu sein als auch darin, allein in der Wildnis zu stehen. Wenn du wahre Zugehörigkeit erleben willst, musst du nicht dein Selbst ändern, sondern du selbst sein….Spiritualität bedeutet anzuerkennen und zu feiern, dass wir alle durch eine Macht, die größer ist als wir selbst, untrennbar miteinander verbunden sind, und dass sich unsere Verbindung zu dieser Macht und zueinander auf Liebe und Mitgefühl gründet.“

Es geht also um eine lebenswichtige Entscheidung: Wähle ich ein Leben im Hören auf die Stimme der Angst oder auf die Stimme der Liebe.

Wähle ich als inneren Führer das Ego, das kleine Angst-ich oder mein wahres (höheres) Selbst und verwurzele ich mich tief im inneren Raum der Stille, der Erfahrung bedingungsloser Liebe und Verbundenheit.

Diese Erfahrung kann ich z.B. in der Meditation, im Gebet oder auch in der Natur machen.

Hier steht eine grundlegende Neuentscheidung an- erkenne, wer du wirklich bist und welche Stimme du als deine Identität wählst!

Angst oder Liebe?

Es geht bei dieser Neu-Entscheidung also um Selbstbetäubung aller Gefühle oder bedingungslose Selbstannahme und mitfühlende Selbstliebe mit achtsamem Zulassen aller Gefühle, angenehmer wie unangenehmer.

Man kann nicht einseitig nur schmerzliche Gefühle betäuben-dies ist der direkte Fahrstuhl zur Hölle der Depression, des emotionalen Infarktes, wo gefühlte Unlebendigkeit und ein quälendes Gefühl der Gefühllosigkeit resultiert.

Es geht um Scham oder Selbstakzeptanz und authentische Selbstöffnung.

Verstecken hinter einer Maske, der Fassade eines emotionalen Panzers oder ein Leben mit offenem Herzen aus der Verbundenheit mit seinem wahren Selbst, in dem allein innere Stärke und wahre Heimat in sich selbst sowie Mut zu Selbstvertrauen und Verbundenheit mit anderen gefunden werden kann.

Erst durch einen Dialog mit sich selbst, der geprägt ist von Selbstmitgefühl, Selbstwertschätzung und Respekt sowie emotionaler Offenheit, kann der Mut zu Begegnungen auf Augenhöhe wachsen.

Nur so wächst der Mut, zu wahren Begegnungen, die ein erfülltes Leben voller Energie ausmachen, mit einem Gefühl des Beheimatetseins und wahrer Zugehörigkeit- ein Leben aus und getragen von dem Geist wahrer Liebe.

Der Mut, es zu wagen, sich ehrlich zu zeigen, zu sich zu stehen und emotional offen, mitfühlend und mit Wertschätzung und Respekt vor Unterschieden wirklich zuzuhören und in Dialog zu gehen- ohne sich in Beziehungen drüber oder drunter zu stellen oder sich zu verstecken.

Die Tragik unserer Welt liegt im Verlust des Seins.

Wir sehnen uns danach, ganz zu werden. Uns ganz zu fühlen. Ganz zu sein.

Die Wurzel aller neurotischen Störungen liegt im Versuch, ein anderer Mensch zu sein als der, der man selbst wirklich ist.

Die Befreiung liegt darin, dir endlich zu erlauben, das Wesen zu sein, das du wirklich bist.

Dies ist die Ebene der Selbstliebe. Hier geht es nicht mehr darum, perfekt zu sein, sondern deine natürliche Vollkommenheit zu entdecken.

Unter deinen als Überlebensstrategie antrainierten Mustern wartet immer dein wahres Wesen auf dich. Und das ist schön. Gut. Vertrauend. Liebend.

Schau dir das Video „Brene Brown: Die Kraft der Verletzlichkeit (The Power of Vulnerability)“ an:

Einige Hilfen gegen den lebensvernichtenden Zwang des Perfektionismus:

1. Achtsamkeit
Anhalten, wenn wir großen Druck spüren. Das Tempo rausnehmen.

Benennen: „Ah, da ist Perfektionismus“.

Wahrnehmen: Wie fühlt sich der Druck an? Wo im Körper sitzt er? Bewegt er sich? Kann ich auch eine Angst spüren? Wenn ja, Angst wovor?

Das Gefühl nicht bekämpfen. Sondern es zulassen, ihm Raum geben, bis es uns loslässt.

Tief durchatmen.

Dann weitermachen, bewusst etwas langsamer.

 

2. Perfekt ist gar nicht möglich

Das Pareto-Prinzip, die „80-20-Regel“. 80 Prozent des Ergebnisses gehen auf nur 20 Prozent der Anstrengung zurück, jede Anstrengung darüber hinaus bringt kleinere Erträge, wird nutzloser. Für ein 100-Prozent-Ergebnis würden wir unendlich lange brauchen.

Am Ende ist Perfektion nur ein Konzept – eine Unmöglichkeit, die uns quält.

 

3. Es geht nicht um perfekt

Worum es geht, ist etwas zu erledigen, vielleicht sogar mit Freude dabei. Worum es geht, ist ein gutes Leben.

Woher weißt Du, dass es fertig ist?

Natürlich ist es nicht fertig. Es ist nie fertig. Das ist die falsche Frage. Die Frage ist: wann ist es gut genug?
Bei unseren Aufgaben geht’s doch selten um Leben und Tod.
Lass los.

Mut zur Lücke und zu Fehlerfreundlichkeit.
Diese Denkweise bringt Frieden.

 

4. Kleine Schritte
Ebenfalls eine Form von Perfektionismus: sich zu viel auf einmal vornehmen.
Nimm Dir nur den ersten Schritt vor, einen winzigen, so klein, dass Du kaum nein sagen kannst.
Und dann mach eins nach dem anderen.

 

5. Mantra:
Vielleicht entspannen dich die folgenden Gedanken:

Ich bin gut genug. Und ich bin immer gleich viel wert, egal, wie viel ich leiste.“
„Alles, was ich tun kann, ist mein Bestes zu geben.“
„Ich brauche mich nicht mit anderen vergleichen.“
„Fehler zu machen heißt nicht, dass ich ein Versager bin. Alle Menschen machen Fehler.“
„Es ist okay, nicht immer hundertprozentig zufrieden zu sein.“
„80 Prozent sind gut genug.“ (Oder, falls das noch zu unbehaglich ist: 90 Prozent)
„Erledigt ist besser als perfekt.“
„Gut genug statt perfekt!“

Ich bin nicht, was ich tue.
Ich bin nicht, was ich habe.
Ich bin nicht, was die Leute über mich sagen.
Ich bin ein Kind der Liebe.
Ich lebe aus der tiefen inneren Erfahrung eines bedingungslos geliebten Menschen.
So wie ich bin, bin ich recht.“

Ich brauche mir keine Sorgen zu machen.
Ich brauche mich nicht anzutreiben oder zu beeilen.
Ich lebe voller Vertrauen und in der Liebe verwurzelt,
und teile meine erfahrene Liebe dankbar mit der Welt.“

Es geht dabei um die Einstellung.

Es geht um Mut zur Verletzlichkeit.

Um das Zulassen von Gefühlen.

Mitgefühl und Betrauerung statt Scham.

Radikale Akzeptanz und Selbstehrlichkeit.

Um das Übergeben meiner Ängste und Zweifel an die Stimme der Liebe in meinem Herzen.

Es geht ums Loslassen, was uns unglücklich macht.

Darum seinen Wert als Mensch nicht von seiner Leistung abhängig zu machen.

Es geht um sich erlauben, statt zu müssen.

Darum, dass man aus Liebe etwas so gut tun will, wie man gerade kann und dann das Ergebnis vertrauensvoll loslässt.

Es geht um Freiheit statt Zwang.

Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung.

Vertrauen statt Kontrolle.

Liebe statt Angst.

Du darfst glücklich sein!

Manchmal hilft aber auch eine Portion humorvolle Provokation, denn der innere Perfektionist kennt nur tödlichen Ernst:

Anleitung eines Kontrollfreaks:

Das kannst Du besser!“

Sabotiere dein Glück und Verlange Perfektion von dir!

Sei nie zufrieden mit dir und deiner Leistung und überlege dir, was du noch besser machen kannst.

Überlege dir permanent, was du vergessen oder übersehen haben könntest, was deine Arbeit noch perfekter machen würde. Eifre stets der idealen Figur, Fitness und Ernährung nach.

Strebe das perfekte Zuhause, die perfekte Familie und das perfekte Aussehen an.

Unterziehe dich Schönheitsoperationen, hungere dich auf Idealgewicht, kenne und befolge penibel die Empfehlungen von Ernährungswissenschaftlern, Fitness- und Gesundheitsgurus.

Kenne alle Liebesstellungen des Kamasutra und sei stets der perfekte Liebhaber und die perfekte Liebhaberin.

Kleide dich stets nach der neuesten und aktuellsten Mode und mache dir stets Sorgen, overdressed oder underdressed zu sein. Kaufe dir jede Menge Parfüms und Deodorants, damit andere nie deinen wahren Geruch kennenlernen.

Kaufe dir einen Knigge und lass dir vorschreiben, wie du dich zu benehmen hast. Beobachte und kontrolliere mit Argusaugen ständig dein Verhalten und ersticke alle Bedürfnisse im Keim, die dich von einem perfekten Lebenswandel abbringen könnten.

Sei hart und unerbittlich zu dir und deinem inneren Schweinehund, der dich nur zum easy-going und zu einem unbeschwerten und natürlichen Leben verführen will.

Weiche nie vom Pfad der dir selbst oder von anderen auferlegten Tugenden ab. Mit anderen Worten: Bekämpfe jeden persönlichen Makel unerbittlich gerade so wie einen Pickel auf der Nase, und schreibe dir Perfektionismus auf deine Fahnen.

Dein Lebensmotto sollte lauten: Gut ist nicht gut genug. Sei nie zufrieden mit dir, auch wenn du etwas 100-prozentig gemacht hast. Sei perfekt darin, dir das Leben schwer zu machen.

Mit anderen Worten: Schreibe dir permanente Selbstoptimierung auf die Fahne.

(Verfasser unbekannt)

 

Das Tolle daran ist, als Mr. oder Miss Perfect machst du dir dein Leben so richtig zur Hölle.

Denk immer daran, „Warum einfach, wenn es auch auf die schwere Tour geht!?“

Denk immer an das Motto der Marathonläufer: „Quäl dich Du Sau!“

Du kannst eine Arbeit nie guten Gewissens abschließen – na und?

Es könnte ja sein, dass du etwas vergessen und übersehen hast oder noch besser machen könntest.

Das Dümmste, was Du tun kannst, wäre, nach der Devise zu leben: “Ich tue was mir aktuell möglich ist. Das ist alles, was ich tun kann. Ich kann mich ständig verbessern und dazulernen, aber perfekt ist niemand”.

Schädlich wäre es auch, wenn du dir die Einstellung starker, selbstbewusster und unabhängiger Menschen aneignen würdest, die etwa so denken: Wichtig ist, dass ich im Einklang mit mir und meinen Bedürfnissen lebe und es mir gutgeht. Ich habe es nicht nötig, mich den Idealen und dem Diktat anderer zu unterwerfen. Meine Selbstachtung und mein Wert hängen nur von mir ab und ich entscheide, mich so anzunehmen, wie ich bin, auch wenn ich nicht immer eine 100-prozentige Leistung bringe.

Mit dieser Einstellung würdest du aus dir eine unverwechselbare Persönlichkeit machen, die von anderen für ihre Unabhängigkeit und Souveränität bewundert würde.

Du würdest deine Arbeit gut machen, dein Bestes geben, dich aber nicht zerfleischen, wenn etwas nicht 100-prozentig läuft.

Du könntest nach deinem Rhythmus leben, auf deine Bedürfnisse hören und so mit dir in Frieden leben.

Perfektionisten werden nicht geliebt.

Menschen sind nicht perfekt.

Menschen sind unvollkommen.

Und verletzlich.

Und wenn sie zu ihrer Verletzlichkeit stehen, können sie von anderen geliebt werden.

Nicht wegen ihren Stärken bewundert, sondert wegen ihrer vollen Menschlichkeit und Ihrem Mut, sich zu zeigen und ihren Macken geliebt.

Aber wie ein Patient einst sagte:

Unsere Macken sind gar keine Macken.

Es sind nur special effects!“

Perfektionismus, perfekt sein zu wollen, ist ein Kampf gegen Windmühlen – du musst und wirst diesen Kampf verlieren, da Perfektion eine Illusion ist. Frustration, Stress, Burnout, Depressionen, körperliche Beschwerden, Überforderung und Ärger auf dich sind dir sicher, wenn du permanent Vollkommenheit von dir verlangst.

Zum Schluß noch eine Heilungsgeschichte (nach Veit Lindau):

 

Der alte Mann und der Baum

Es war einmal ein junges Paar. Nach der Heirat zog es frisch verliebt in ein neues Haus ein. Zur Erinnerung ihrer Liebe pflanzten der Mann und die Frau vor dem Haus ein Bäumchen. Jeden Morgen gingen sie in den Garten und erfreuten sich an seinem Wachstum. Es war in ihren Augen ein perfektes, wunderschönes Bäumchen.

Doch eines Tages stellten sie stirnrunzelnd fest, dass es nicht mehr ganz gerade wuchs. Es war eine wilde, ungestüme Pflanze. Sie fühlte sich geliebt und vertraute deshalb dem Leben. Sie wollte sich frei und lustvoll nach allen Seiten ausprobieren. Das entsprach jedoch nicht den klaren Wunschvorstellungen des Pärchens. Also begannen die beiden, das Bäumchen ihren Erwartungen anzupassen.

Sie fixierten es mit starken Seilen und schnitten alle störenden Äste ab. Am Anfang kämpfte es noch gegen die Einzwängungen, doch dann kapitulierte es und gab sich den Anforderungen hin. So wuchs es im Laufe der Jahre zu einem stattlichen, kerzengeraden und vollkommen symmetrisch geformten Baum heran.

Der Mann und die Frau waren sehr stolz und präsentierten all ihren Freunden Ihre Schöpfung. Sie übersahen dabei, dass der Baum zwar perfekt war – aber tieftraurig. Er funktionierte gut. Das wusste er. Doch er fühlte sich nicht mehr geliebt, wie er war. Schlimmer noch, er wusste nicht, wer und wie er wirklich war. Er produzierte nur noch das Mindestmaß an Blättern. Gerade so viel, um die Erwartungen zu erfüllen.

Nach vielen Jahren verkaufte das Paar das Haus. Ein alter Mann zog ein. Auch er besuchte jeden Morgen den Baum im Garten. Sehr bald spürte er den Schmerz dieses wunderschönen Wesens. Er löste die Seile und verzichtete darauf, den Baum zu beschneiden. Stattdessen legte er jeden Tag für einige Minuten seine Hände still und sanft auf die Rinde des Baumes. Dieser war zuerst sehr, sehr misstrauisch. Was sollte das jetzt? Dann, als er langsam begann zu vertrauen, stieg ein uralter Schmerz in ihm auf.

Die bedingungslose Liebe des alten Mannes erinnerte ihn daran, dass er sich selbst nicht mochte. Ja wie auch, da er doch vergessen hatte, wer er wirklich war. Zuerst bekämpfte er den Schmerz. Er war gewohnt, zu funktionieren und zu strahlen. Doch dann – wahrscheinlich, weil er die Anstrengung leid war – gab er sich hin. Und siehe da, der Schmerz war nur ein Vorbote vieler anderer Gefühle. Manchmal brannte Zorn in ihm – über die ihm und so vielen Bäumen widerfahrene Beschneidung. Traurigkeit erzählte ihm flüsternd von all den verlorenen Chancen. Und manchmal hatte er Angst vor dem Unbekannten. Er ließ diese Gefühle in sich kommen und wieder gehen. Vielleicht half ihm das ruhige Vertrauen, das der Alte über seine Hände auf seine Rinde übertrug.

Und dann geschah ein Wunder. Eines Morgens bekam er Besuch von einem neuen Gefühl, einer zarten, süßen Sehnsucht. Er folgte ihrem Lied in die Tiefen seiner Wurzeln und fand hier die Erinnerung an jene ersten Tage seines Lebens, in denen er ohne Zweifel gewusst hatte, dass das Leben ihn liebte und dass es seine Bestimmung war, frei zu wachsen. Die Sehnsucht, gepaart mit jenem neu erwachten Urvertrauen, wandelte sich in unbändige, frische Lust. Eine Lust am Leben, am Wachsen, am Lernen, am Ausbreiten. Sie schoss wie ein heilsames, quickvitales Elixier aus den Wurzeln in den Stamm. Von hier breitete sie sich mit einem stillen Jubilieren in allen Zweigen bis in die winzigsten Spitzen aus.

An diesem Morgen lächelte der alte Mann, als er den Baum mit seinen Händen liebkoste. Zufrieden setzte er sich auf seine Bank und sah staunend dabei zu, wie der Baum leise in Liebe zu sich selbst erzitterte und die ersten neuen grünen Knospen an völlig unerwarteten Stellen hervorbrachte. Er weinte vor Glück. Denn er war Zeuge eines Wunders.

Auch wir Menschen sehnen uns danach, ganz zu werden.

Uns ganz zu fühlen.

Ganz zu sein.

Die Wurzel aller neurotischen Störungen liegt im Versuch, ein anderer Mensch zu sein als der, der man selbst wirklich ist.

Heilung im spirituellen Sinne bedeutet deshalb:

Erlaube Dir endlich, das Wesen zu sein, das du wirklich bist.

Dies ist Selbstliebe.

Hier geht es nicht mehr darum, perfekt zu sein, sondern Deine natürliche Vollkommenheit zu entdecken.

Wenn Du Dir ca. drei Monate lang mit diesem Ja begegnest, wirst Du Wunder erleben.

Du wirst wie der Baum die Erfahrung machen, dass die Erinnerung an Dein Heilsein immer in Deinen Wurzeln gespeichert war.

Diese heilsame Erfahrung wünscht von Herzen,

Dr. Wolf Maurer

 

Weiterführende Hörbücher von Dr. W.-J. Maurer Psychosomatik Scheidegg zum Thema unter www.anima-mea.org:

PSS 1, Wenn die Seele die Sprache verliert…fängt der Körper an zu reden

PSS 2, Angst als Seelenfresser oder Lebenswecker

PSS 5, Burnout- Fegefeuer der Eitelkeiten

PSS 7, Selbstwertschätzung- Freundschaft mit sich selbst

PSS 8, Depression – der emotionale Infarkt

PSS 12 Esstörungen- Der Zwang zu hungern und die Sucht zu essen

PSS 15, Selbstentwicklung – Ende des Maskenballs

PSS 16, Frei von Zwang

PSS 18, Gelassenheit entwickeln

PSS 19, Lass los, was dich unglücklich macht…und lebe!

PSS 21, Leben oder funktionieren- die eigne Identität entwickeln

PSS 25, Persönlichkeitsstile – Meine Persönlichkeit, mein Symptom und Ich

PSS27, Bindungstrauma- Bindung, Liebe, Selbstentwicklung

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