Bewusstseinstexte Dr. W.-J. Maurer

Burnout-Verhüterli – Die Kraft des „Nein“

von Dr. med. Wolf-Jürgen Maurer

 

Ja zu sagen fällt leichter als Nein zu sagen, auch wenn man eigentlich nein meint. Nein sagen kostet Kraft. Es macht auch vielen Menschen Angst, andere mit ihrem Nein zu enttäuschen. Doch automatische Ja –Sager sind nicht etwa sehr beliebt! Im Gegenteil, sie werden oft belächelt und nicht sonderlich respektiert, da sie sich selbst so wenig ernst nehmen und keine Ecken und Kanten entwickelt haben. Und der chronische Wunscherfüller Anderer, der eigentlich Everybodys Darling sein möchte, fühlt sich früher oder später selbst wie Everybodys Depp. Weil er erkennt, wie er ausgenützt wird. Und die Balance zwischen Geben und Nehmen absolut nicht stimmt.

Jedes nicht ernst gemeint Ja aus Angst, sonst nicht mehr zugehörig sein zu dürfen oder gemocht zu werden, bedeutet ein Nein zu sich selbst und ist Ausdruck mangelnden Selbstrespektes, was mit der Zeit zu einem großen Verlust an Selbstachtung führt. Wer sich selbst nicht achtet, den können andere oft auch nicht ernst nehmen und achten. Und wenn die Achtung fehlt, verliert sich auch die Liebe-so steht der sich Aufopfernde in einer Partnerschaft am Ende doppelt verlassen da: der Partner wendet sich früher oder später ab, und sie hat sich selbst schon seit langem verlassen. Dieser Verrat am eigenen Selbst für eine Beziehung rächt sich. Es braucht auch das Nein in der Liebe. Wer niemanden enttäuschen kann, ist nicht erwachsen geworden und nicht beziehungsfähig.

Oft vermeiden diese Menschen trotz ihrer Sehnsucht nach Nähe dann auch Beziehungen, weil sie unbewusst spüren, dass sie sich in Beziehungen verlieren würden, solange sie ihre Identität und ihre Grenzen nicht schützen und behaupten können. Sie machen aber dann in anderen Lebensbereichen dasselbe Spiel- immer wieder das Muster von Helfen, Kümmern, Retten, Aufopfern, Pflegen, Sorgen-für Andere. Sie stürzen sich in Arbeit und Aufgaben für andere und verbrennen sich dort genauso, weil sie nicht aus einer inneren Fülle, sondern aus Angst, innerer Leere und eigenem Mangelempfinden immer weiter geben, bis sie schließlich so viele emotionale Minusgeschäfte eingefahren haben, ihr emotionales Konto überzogen haben und es gewaltig ins Minus gerutscht ist. Dies nennen wir Psychotherapeuten dann Burnout oder Erschöpfungsdepression.

Haben Sie die Kraft, nein zu sagen? Oder gehören Sie zu jener Gruppe von Menschen, die keinen Wunsch abschlagen können? Meine psychotherapeutische Erfahrung und auch Studien zeigen, dass ab und zu nein zu sagen, auf jeden Fall gesünder ist, als jede Anfrage durch zu winken.

Bei der Behandlung von Burnout-Patienten kann ich immer wieder beobachten, dass ein bestimmter Typus Mensch zum Ausbrennen neigt. In Firmen ist es der hoch motivierte Mitarbeiter, der jedem gefallen und nicht auffallen möchte. Zu Hause sind es häufig berufstätige Mütter, die keine Kraft haben, sich durchzusetzen. Weil „nein“ zu sagen, oft anstrengender ist, als „ja“.

Die Unfähigkeit, Grenzen zu setzen, hat oft mit einschlägigen Kindheitserfahrungen zu tun. Dahinter steht das Bedürfnis, angenommen zu werden, es allen recht zu machen und niemanden zu verletzen – also kurz Harmoniesucht und Bestätigung. Ein bisschen davon steckt in jedem von uns, wie folgende Geschichte meines Lieblingsdichters Eugen Roth zeigt:

 

Der Unentschlossene


Ein Mensch ist ernstlich zu beklagen,
Der nie die Kraft hat, nein zu sagen,
Obwohl er’s weiss, bei sich ganz still:
Er will nicht, was man von ihm will!
Nur, dass er Aufschub noch erreicht,
Sagt er, er wolle sehn, vielleicht…
Gemahnt, nach zweifelsbittern Wochen,
Dass er’s doch halb und halb versprochen,
Verspricht er’s, statt es abzuschütteln,
Aus lauter Feigheit zu zwei Dritteln,
Um endlich, ausweglos gestellt,
Als ein zur Unzeit tapfrer Held
In Wut und Grobheit sich zu steigern
Und das Versprochne zu verweigern.
Der Mensch gilt bald bei jedermann
Als hinterlistiger Grobian –
Und ist im Grund doch nur zu weich,
Um nein zu sagen – aber gleich!


Eugen Roth

 

 

Die Erfahrung, dass uns jemand die Zuneigung entzieht, wenn wir nicht seine Erwartungen erfüllen, ist stark verbreitet. Und sie baut mächtig Druck auf. Um Ihr Nein doch noch aufzuweichen wird heftig aber oft subtil manipuliert mit folgenden Mechanismen, wie Schuldgefühle auszulösen, Erpressung, Druck, Schmeicheleien oder die Mitleidstour. Es gilt diese Mechanismen zu erkennen und zu lernen, darauf angemessen zu reagieren.

Nicht wer nein sagt ist der Egoist, sondern der ein Nein nicht akzeptiert und andere für eigene Zwecke und Bedürfnisse ausbeutet und missbraucht und mit Liebesentzug bestraft ist der wahre Egozentriker! Jeder darf jeden Wunsch äussern. Aber jeder ist auch frei, jeden Wunsch nach eigener Prüfung abzulehnen.

Wer dies nicht kann wegen einer Geschichte kindlicher Vernachlässigung oder Missbrauchs, kann und muss dies lernen, sonst macht er sich zeitlebens zum im Sinne eines unbewussten Wiederholungszwanges zum Opfer und triggert damit alte traumatische Erinnerungen aus seiner Kindheit. Eigenverantwortliche Selbstfürsorge statt altruistische Abtretung eigener unterdrückter Bedürfnisse an andere müssen Menschen mit depressiven Mustern die zu Burnout führen in einer gegenwarts-und lösungsorientierten Psychotherapie erst mühsam lernen und wiederholt üben, denn die alten negativen Verschaltungen der Selbstwertstabilisierung über Leistung und Anerkennung sind sehr hartnäckig ins Gehirn eingebrannt.

Auch die unterdrückte verbotene Wut im Körper zu entdecken, wo sie in Form von schmerzhaften Verspannungen entsorgt wurde, muss geschult werden. Denn die Wut ist unsere vitalste Lebenskraft, die nicht mehr länger schädigend gegen sich selbst (aber auch nicht destruktiv gegen andere) gewendet werden darf, sondern, konstruktiv genutzt, die notwendige Power gibt zu eindeutiger Grenzziehung.

Die eigene wahrgenommene Wut ist eine Herausforderung zu klarer Selbstpositionierung in Beziehungen. Und das Wort Nein ist „das wichtigste orale Burnoutverhüterli“ wie ein Schweizer Kollege es so charmant nennt.

Wer nicht Nein sagt, hat viel Stress, setzt keine Prioritäten und lässt sich von den Erwartungen anderer auffressen bis die Seele aus Angst vor Selbstverlust in Form einer Panikattacke deutlich um Hilfe ruft: „Tritt endlich für Dich ein, entwickele eine gesunde Autonomie, mach Dich nicht so abhängig und klein- Du darfst du selbst sein. Lieber echt statt nett. Leg die Maske ab, zeig Dich hinter Deiner Fassade, so wie du wirklich bist. Wenn Du Dich selbst bejahst und Dich mit den eigenen Grenzen achtest und akzeptierst, dann können Dich die Anderen gern haben! Schluss mit dem Maskenball!“

Machen Sie ihre vermeintliche Schwäche zur einer Stärke. Seien Sie klar in Ihren Vorstellungen, wo Ihre eigenen Grenzen liegen und wer Sie wirklich sind. So entwickeln Sie ihre eigene Identität, wobei sie alte unbewusste Glaubenssätze und ein frühkindlich als Überlebensstrategie in verletzende Bindungen geprägtes negatives Selbstbild hinterfragen und endlich ablegen dürfen.

Es hilft niemandem, wenn Sie sich klein machen und als Opfer und Märtyrer durchs Leben gehen. „Liebe Dich selbst wie Deinen Nächsten, aber fang bei Dir selbst an und gib nur aus einer echten Fülle und aus bedingungsloser Liebe und nie aus Angst und Mangel, um die Zuneigung anderer zu erkaufen und andere zu einer Gegenleistung zu verpflichten. Klären Sie, was Sie wollen und was nicht, was Ihnen selbst wirklich gut tut und was nicht. Sie spüren das an der Reaktion Ihres Körpers. Machen sie keine faulen Kompromisse und verkaufen Sie sich nicht. Bitten Sie vor einer Entscheidung um Bedenkzeit, klären Sie sich selbst und dann bleiben Sie klar und eindeutig bei Ihrer Entscheidung und Ihrem Nein. Die anderen werden spüren, dass Sie nicht mehr manipulierbar sind, manche werden sich abwenden, weil sie Sie nicht mehr ausnützen können. Echte Freunde werden bleiben und neue werden Sie durch Ihren neuen Selbstrespekt gewinnen.

Entdecken sie, was Sie selbst sich wirklich tief im Herzen wünschen und hören Sie dabei nicht auf die laute Stimme der alten Angst, sondern auf Ihre leise flüsternde sanfte Herzensstimme, wenn Sie still sind und sich aus dem Lärm der Welt zurückziehen.

Entscheiden Sie sich für Freiheit und Selbstachtung, Liebe und inneren Frieden- lassen sie alten Groll los und beginnen Sie ab jetzt ihr verletztes vernachlässigtes inneres Kind selbst wie ein guter idealer Elternteil zu versorgen und liebevoll mitfühlend anzunehmen.

Nehmen Sie Ihr Glück und Ihre Zufriedenheit selbstbestimmt in die Hand. Es ist Ihr kostbares Leben. Sie bestimmen. Geben Sie die Schlüssel für Ihr Lebensfahrzeug und Ihre Zufriedenheit nicht aus der Hand.

Werden Sie sich selbst Ihr bester Freund!

Das wünscht Ihnen von Herzen,

 

Dr. Wolf Maurer

 

 

Weiterführende Hörbücher zum Thema:

PSS 3, Wut als Herausforderung zur Selbstpositionierung

PSS 7, Selbstwertschätzung – Freundschaft mit sich selbst schließen

PSS 5, Burnout – Fegefeuer der Eitelkeiten

PSS 15, Selbstentwicklung- Ende des Maskenballes

PSS 21, Leben oder Funktionieren- die eigene Identität entwickeln

PSS 27, Bindungstrauma und Persönlichkeitsentwicklung-Bindung, Liebe und Selbstentwicklung

und

PSS 1, 2, 6, 8, 9, 10, 1920, 24, 26,

 

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